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Vita

Rainer Nepita

Das Alphabet der Natur

Rainer Nepita, 1954 in Schweinfurt geboren, studierte von 1977-1983 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und Freiburg, u.a. das Fach Malerei bei Prof. Peter Dreher. 1988 erhielt er ein Stipendium für Literatur der Kunststiftung Baden-Württemberg.

Dann zog es ihn 1985 in die Ferne nach Südasien. In Kathmandu/Nepal beginnt 1996 die Zusammenarbeit mit der Firma „Formation Carpets“. Es entstehen Kunstteppiche für Boden und Wand. Seinen ersten Kunstpreis, den für zeitgenössische Kunst in der Ortenau der Stadt Offenburg, erhielt er im Jahr 1996. Es folgten in den Jahren 2003 und 2006 Arbeitsaufenthalte im Studio Berlin.

Seit 1982 lebt und arbeitet Nepita in Oberkirch/Baden.

Seine Ausstellungstätigkeit in Deutschland ist beeindruckend. Den besten Überblick erhält man auf seiner Website (www.rainer-nepita.de), die ständig aktualisiert wird.

Ein Hinweis auf den Katalog „Rainer Nepita, botanica“ ist unerlässlich. Er ist im Jahr 2009 von der Galerie Anja Rumig, Ludwigstraße 73, 70176 Stuttgart herausgegeben.

Im März und April des Jahres 2008 konnte man im Attikageschoss des Herzzentrums Arbeiten von Rainer Nepita betrachten. An ungewöhnliche Bildtitel hat man sich gewöhnt,  so dass Titel wie „BB8B“ oder „Alphabet“ die Vernissage-Gäste kaum neugierig machen. Offensichtlich handelt es sich um Bildserien, die es nun zu betrachten gilt. Schön anzusehen sind die Gemälde. Unterschiedlich kolorierte Bänder gliedern markant farbige Hintergründe mit einer verblüffenden Leichtigkeit. Bei längerem Hinschauen geraten die Bänder in Bewegung, vorausgesetzt, die Phantasie des Betrachters vermag das nachzuvollziehen. Von hier ist der Schritt nicht weit zur Überlegung, ob der Künstler sich nicht als Choreograph versteht, der seine Bänder einen zuvor einstudierten Tanz aufführen lässt. Gerne schaut man zu und wechselt wiederholt die Bildbühne, um sich vor dem einen oder anderen großformatigen Gemälde mitreißen zu lassen.

Flora, Aquarell, 31x22 cm, 2008

Badberg

Doch unvermittelt werden die Bildtitel interessant. Handelt es sich hier um eine Art Code, den der Choreograph benutzt, um die Tanzbewegungen zu steuern?  Lächelnd gibt der Artist Auskunft: So ähnlich könnte man das verstehen. Ja, der Code übermittelt eine Botschaft, weniger an die Betrachtenden als vielmehr an die Tänzerinnen, die Bänder oder Schleifen, oder was auch immer. Dann öffnet der Künstler den Vorhang: Bühne frei für ein faszinierendes artistisches Szenarium!

Mit „BB“ sind die Badberg Bilder oder ist der „Badberg-Zyklus“ gemeint, den Nepita im Jahr zuvor, 2007, in der Kundenhalle der Kreissparkasse Weingarten vorgestellt hat. Den Badberg mit seinem runden, abgeflachten und teilweise baumfreien Gipfel findet man im Kaiserstuhl. Der Weg führt von Bötzingen und Oberschaffhausen nach Oberbergen. Kurz vor dem bekannten Weinort ragt der Berg rechter Hand auf. Ein Spaziergang hinauf zum Gipfel mag einem dann den Code „BB8B“ entschlüsseln. Es sind die leicht im Wind bewegten Gräser, die mutwillig die Füße umspielen, die trunken hin- und herwankenden Windröschen oder manch ein Falter, der im tanzenden Auf und Ab nach einem lohnenden Ziel strebt. Und vieles mehr.

Zwei Arbeiten aus dem Badberg-Zyklus 21 im Aufenthaltsraum der Station 4 Graphit, Öl, Acryl/Leinwand, 160x120 cm, 2005

Auf der Website des Künstlers www.rainer-nepita.de/8.html erfahren die Leser interessante Einblicke in dessen Arbeitsweise. Eines seiner Inspirations- und Arbeitsreviere ist der Badberg. Hier findet er die Grundformen seiner Formen, Motive und Kompositionen, eben die Fauna und Flora des Badbergs. Nepita fertigt Zeichnungen der Gräser und Blumen, sowie deren Gäste der Schmetterlinge oder Raupen an. Er sammelt die Blätter in Arbeitsbüchern, die ihm als Grundlage seiner Figurationen, des tänzelnden Bänderspiels und seinen halb verborgenen Schatten dienen.

Eurasia und St. Lambrecht

Allmählich klärt sich das Figuren-Szenarium, das als abstraktes Bewegungsmuster seine kompositorische Kraft entfaltet. Beachtenswert und unbedingt als Verständnishilfe für die großformatigen Gemälde sehenswert, sind die Eurasia-Zeichnungen von 2008 und der im selben Jahr entstandene St. Lambrecht-Zyklus. Sie sind als artistische Gelenkstelle zum Badberg-Zyklus und zum „Alphabet“ zu verstehen. In ihnen sind Formationen zu identifizieren, die als Blätter, Gräser und vielleicht sogar als Schmetterlinge erscheinen. Sie ordnen sich der vom Künstler begonnenen Leinwand-Gestaltung unter, ohne ihren Bewegungsrhythmus aufzugeben. Ganz im Gegenteil: Sie konkretisieren sich in einem neuen Szenarium, eben der Nepita-Bühne, die nun räumlich wirkt, nachdem man die in Grisaille-Tönen gemalten Formationen als Schattengespinste auf der Hintergrundkulisse ausgemacht hat.

St L V, Graphit und Erdfarben auf Papier, 56x76 cm, 2008

Eurasia+IV, Pigmente 56x76 cm, 2008

Alphabet

Nepita erschafft einen artistischen Nebenkosmos. Das Selbstverständliche, das man gern übersieht, um die Ferne zu suchen, wird zum Besonderen, indem es eine liebenswerte Form erhält. Erst einmal vertraut gemacht mit der Bildstruktur und Komposition, fällt einem der Bezug zum Naturgeschehen nicht schwer. Ganz im Gegenteil, man wird neugierig und möchte das nunmehr bekannte Bildmuster übertragen, um den Flug der Schmetterlinge, das Wiegen der Grashalme oder das Nicken und Neigen der Blütenblätter zu beobachten. Mit anderen Worten: Die Betrachter haben die Bildgrammatik Nepitas erlernt, ohne es zu merken. Doch vor der Grammatik steht der Buchstabe, dessen System Alphabet genannt wird.

In den vergangenen Jahren hat Nepita einige teilweise großformatige Bilder mit dem Titel „Alphabet“ geschaffen. Vergleicht man Sie mit Beispielen aus dem Badberg-Zyklus, etwa von 2005 oder 2006, fällt auf, dass die Bandformationen markanter hervortreten, sich verdichten, verstricken und auseinanderdriften. Im folgenden Gemälde wird dann die innere Welt des Knäuels ausgelotet. Hier schwebt und wabert es. Bändermoleküle, so scheint es, tanzen umeinander, um die nächsten Verschlingungen zu organisieren oder zu provozieren. Sie gehören wohl zur kleinsten Alphabet-Einheit, um die veritablen Buchstaben wie Blätter, Blüten oder Knospen hervorzubringen. Der Künstler ist der Autor, der sich von der Natur zeigen lässt, wie er sie buchstabieren und mit Farbformen schreiben soll. Er ist noch mehr, ein Choreograph, der seine Artisten auf die Bühne ruft, ihnen die Standorte zuweist, den Takt angibt und das wunderbare Ballett in Szene setzt.

Rainer Nepitas Gemälde sind in Galerien zu sehen. Wo auch anders? Eine Theaterbühne ist ihm leider versagt – noch versagt. Vielleicht wird ein Intendant das tänzerisch-klangvolle Spiel seiner Gemälde als Quelle für Theater- oder Musikinszenierungen erkennen und schätzen – gewissermaßen als „Kulissen-Partner“ für die Darsteller und das Interieur. Doch es gibt eine Alternative, eine naheliegende Variante, das Wispern und Flüstern des Nepita-Alphabets zu vernehmen. Das sind die Teppiche.

Alphabet, Öl und Graphit auf Leinwand, 50x60 cm, 2010

Alphabet, Öl und Graphit auf Leinwand,50x40 cm, 2009

Teppich T4, 1996

Neues Schloss Museum Rudolf Wachter, Kisslegg, 2006

Teppich

Im Jahre 2006 stellte Nepita im Museum Rudolf Wachter in Kisslegg seine Boden- und Wandteppiche aus – unter anderem Ergebnisse seiner Zusammenarbeit mit der Firma „Formation Carpets“ in Kathmandu/Nepal. Nun konnte er seine Bühne im wahrsten Wortsinne betreten. Die von Licht durchfluteten Räume glichen einem artistisch veredelten Naturtheater. Der Fußboden stieg auf zur Wand und diese neigte sich dem Boden entgegen. Die Dimensionen waren aufgehoben. Das Teppich-Motiv suggerierte nicht nur Räumlichkeit über farbperspektivische Schattierungen, sondern inszenierte sie und demonstrierte wahrhaftigen Raum. Der Nepita-Kosmos nahm einen gefangen. Und das ließ man gerne mit sich geschehen.

Die Wirklichkeit der Natur – was ist das? Das äußere Kleid, vielgestaltig und immer in Bewegung? Es bedarf schon eines Alphabets, um die Natur zu schreiben sich ihrer gewiss sein, um das ewige Werden der Naturdinge zu begreifen. Nepita hat eine artistische Formel gefunden, die uns einen neuen Weg in die Natur weist. Inwendig voller Bilder seiner Zyklen wird ein Spaziergang beispielsweise über die Kuppe des Badberges oder anderswo zum Erlebnis. Möglicherweise könnte ein Zwiegespräch beginnen mit den stillen aber so lebendigen Begleitern.