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Vita

Erwin Wortelkamp

Der 1938 in Hamm/Sieg geborene Erwin Wortelkamp studierte von 1960 bis 1965 Bildhauerei und Kunstpädagogik an der Akademie für Bildende Künste in München bei Professor Robert Jacobsen. Nach einer Tätigkeit als Kunsterzieher erhielt er im Jahr 1973 die Stelle eines Lehrbeauftragten an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg im Breisgau. 1975 richtete er sich im Alten Schulhaus in Hasselbach ein, legte dann im Jahre 1980 seine Arbeit als Assistent nieder, und begann im Jahre 1986 mit dem faszinierenden Projekt “im TAL”. Hierbei handelte es sich um die skulpturale Gestaltung eines Landschaftsgartens, an dem über 30 Kollegen teilnahmen. Das Projekt wird auch heute noch auf einem vergrößerten Gelände von 10 ha weitergeführt. Es ging, und geht heute noch, um das Wechselspiel von Kunst und Natur. Dabei steht eine grundsätzliche Frage im Mittelpunkt: Unterscheidet sich eine Skulptur, die für eine landschaftliche Situation angefertigt wird, von einem musealen Objekt? Grundsätzlich nicht, da die Gestaltungsinteressen im Vordergrund stehen. Es geht also um das Suchen und Finden einer bestimmten, den sinnlichen Erfahrungen adäquaten Form.

Für Wortelkamp ist es das Holz, das es zu bearbeiten gilt. Hier findet er zunächst seinen eigenen Formenwuchs, den er, parallel zur Natur, als künstlerisches Naturobjekt oder naturhaftes Kunstobjekt – wie auch immer – präsentieren möchte. Der Künstler selbst sieht diesen Prozess der Gestaltung noch viel differenzierter.

„Das Stichwort ist für mich das „Unterwegs-Sein“, das Prozesshafte. Auch die Kunst greift ja in das prozesshafte Werden des Einzelnen ein. Die Kunst verkörpert das Geschehene als Schauangebot. Kunst ist ein vom Künstler angehaltener, gestoppter Prozess, ein Bildganzes, das es sonst nicht gibt. Diesem Bildganzen können wir begegnen, gestützt auf unsere entwickelte Wahrnehmungsfähigkeit. Sinnesschulung – das wäre eine wichtige Voraussetzung für das Unterwegs-Sein.

“Diese Gedanken treffen in das Herz der Kunsttheorie Schellings, gemeint ist die „Doppelthese von der Kunst“. Wichtiger noch: Wortelkamps Überlegungen gehen darüber hinaus. Für Schelling stellte sich die Natur als Prozess dar, der von der Kunst nicht nachgeahmt werden kann, da diese ein statisches Prinzip repräsentiert. Und die Kunst, so Schelling, ist ebenfalls nicht in der Lage, den Prozess der Natur zu veranschaulichen. Wortelkamps Gedanke vom „gestoppten Prozess“ trifft den Sachverhalt: Das Kunstwerk beginnt mit dem Prozess des Findens und Gestaltens und entspricht somit dem Wesen der Natur. In der Präsentation des Objektes sind die Spuren des Prozesses ablesbar – doch nur deswegen, weil der Prozess gestoppt ist.

Das Unterwegs-Sein ist das Agens des Künstlers, der sich als Teil des Naturprozesses versteht. Die transzendente Seite dieser Gedanken mag auf die religiöse Eben gleiten. Im Hauptschiff des Bamberger Doms stellte Wortelkamp im Jahre 2002 ein Kreuz auf, im Karmeliterkloster lehnte er eine Stele mit dem Titel „Magdeburger Rote“ an die Wand oder eine „Hand“, die er in einer leeren Figurennische am Chor des Bamberger Doms platzierte. Fremd wirken die Skulpturen nur, weil unser Wahrnehmungsvermögen nicht auf diese Kombinationen geeicht ist. Doch bei längerem Verweilen spürt man, dass eine innige und natürliche Beziehung zwischen dem Objekt und dem Raum besteht. Dieses Beieinander von freier Gestaltung und gebautem Raum animiert zur Meditation und lässt das Heilige erfahrbar werden.  Auch der Betrachter durchlebt einen Prozess. Er nimmt sich selbst im Anschauen der Skulptur wahr, findet seinen Ort und empfindet sich als ästhetischer Partner des Ensembles: Das Ganze ist immer mehr, als die Summe seiner Teile. Mit seiner gestalterischen Arbeit, oder besser noch, mit seinem artistischen Vermögen, den “richtigen Ort” zu finden, um auf diesem Wege Skulptur-Architektur-Kombinationen im städtischen oder innenräumlichen Umfeld zu inszenieren, bereitete Wortelkamp den Weg zu zur sinnlichen Erfahrung unseres Lebensraumes vor. Das Unterwegs-Sein bezieht sich demnach nicht nur auf den Prozess der Gestaltung, sondern auch auf die Wahl des Ortes und, was besonders wichtig ist, auf die Kunst des Kombinierens. In der eigentümlichen Atmosphäre von Wortelkamps Arbeiten ist das Unterwegs-Sein chiffriert. Der Betrachter erfährt diesen ästhetischen Prozess als wunderbares und für sein eigenes Wahrnehmungsvermögen aufschlussreiches Erlebnis.

Wortelkamp hat viel zu sagen. Gelegenheiten boten sich ihm als Gastprofessor an den Universitäten in Gießen (1982-83) und in Witten/Herdecke (1995-96). Das Verbinden von theoretischen Überlegungen und artistischen Vorgängen  findet für ihn auf der Seite der bildenden Kunst statt.

Wortelkamp: „Jeder Künstler kommt zu einer Gestalt-Findung, die sich in einer verdichteten Komplexität in den unterschiedlichsten Wirkungszusammenhängen behaupten kann. Diese neu entstehenden Zusammenhänge werden mitbestimmt durch die jeweiligen Umräume sowie stets durch das Auge des Beobachters.“

Selten, dass eine theoretische Aussage kompatibel ist mit der praktischen Durchführung: Bamberg 2002 „Skulpturen finden ihren Ort“. Wortelkamp stellte seine Skulpturen an verschiedenen Orten der Stadt auf, um neue ästhetische Perspektiven zu schaffen. Es entstanden Dialog-Muster, denen man sich als Betrachter nicht entziehen konnte. Das dialogische Prinzip entfaltete sich zwischen Skulptur und Architektur, die als „neue Einheit“ den Fußgänger irritierte und ihn zu einer wie auch immer gearteten Reaktion herausforderte. Möglich, dass der Betrachter die Skulptur isoliert und sie als eigenständiges ästhetisches Objekt goutiert oder verwirft. Möglich aber auch, dass er über die Skulptur einen neuen Wahrnehmungszugang zur Architektur bekommt.Wortelkamps Kunstbegriff ist weit gefächert und greift über traditionelle Definitionen und Hypothesen hinaus. Das liegt an seiner entschiedenen Haltung, sich selbst in seiner Arbeit als Teil des Naturprozesses zu verstehen. Das mag ein beeindruckendes Beispiel zeigen: Im April des Jahres 2001 begegnete Wortelkamp der vom Orkan „Lothar“ entwurzelten Weißweide auf dem Gelände des Klosters Schöntal. Vier Monate bearbeitete er den umgelegten Baum. Es entstand eine stupende Skulpturenlandschaft, die der Künstler „Liegende“ taufte. Sie erhielt Einzug in die Klosterkirche, um danach den „Ort des Geschehens“ wieder aufzusuchen. Dort soll sie den Dialog mit ihrer Umgebung aufnehmen. Die sakrale Atmosphäre des Heiligen Raums wurde mit der Skulptur in die Außenwelt getragen. Auf die Frage, ob der Natur auch etwas Religiöses anhaftete, antwortete Wortelkamp:
„So wie vielleicht alle Natur in uns als Sehnsuchtsform vorhanden und schwer zu erfassen scheint, weil es sie so nicht gibt.“

Erwin Wortelkamp hat uns mit seinem Werk ein Fenster zur „Sehnsuchtsform Natur“ geöffnet.

Ehrenfried Kluckert

Kopf – für Gert von Briel, Bamberg, Holz, Pfahlplätzchen, 1983

Gesockeltes Fragment, Bronze, 1997/2002  
Vor dem Brückenrathaus in Bamberg

Hand, Holz, 1998  
Obere Pfarre (Hochchor), Bamberg

Rote Stehende, Holz, 1995  
Kavaliershaus, Bamberg

Wandstück, Holz, 1991  
Erfurt, Michelsberger Straße 2-4

Stele, Holz, 2002  
Krematorium am Waldfriedhof in Duisburg